Gruppe von farbigen, stilisierten Silhouetten von Menschen.
© aelitta via iStock

Das Seltene finden

In vier von fünf Fällen liegt die Ursache Seltener Erkrankungen im Erbgut. Hier erfahren Sie, wie Genommedizin hilft, diese Ursachen zu erkennen, richtige Diagnosen zu stellen und mögliche personalisierte Therapien aufzuzeigen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Viele Seltene Erkrankungen sind genetisch bedingt. 
  • Vergleichsdaten unterscheiden harmlose und relevante Veränderungen im Erbgut.
  • Genommedizin hilft, schneller Klarheit und passende Behandlungen zu finden.
  • Durch Re-Analysen und Datenaustausch lassen sich zuvor ungelöste Fälle klären.
  • Gentherapien und neue Ansätze greifen direkt die Ursache an und verbessern die Lebensqualität.

Klarheit gewinnen durch Genommedizin

Menschen mit einer Seltenen Erkrankung warten im Durchschnitt fast fünf Jahre auf die richtige Diagnose. In dieser Zeit leiden sie oft unter chronischen oder sogar lebensbedrohlichen Symptomen, ohne die Ursache zu kennen. Die Ungewissheit belastet neben den Patient*innen auch die Angehörigen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Viele Seltene Erkrankungen sind genetisch bedingt. 
  • Vergleichsdaten unterscheiden harmlose und relevante Veränderungen im Erbgut.
  • Genommedizin hilft, schneller Klarheit und passende Behandlungen zu finden.
  • Durch Re-Analysen und Datenaustausch lassen sich zuvor ungelöste Fälle klären.
  • Gentherapien und neue Ansätze greifen direkt die Ursache an und verbessern die Lebensqualität.

Klarheit gewinnen durch Genommedizin

Menschen mit einer Seltenen Erkrankung warten im Durchschnitt fast fünf Jahre auf die richtige Diagnose. In dieser Zeit leiden sie oft unter chronischen oder sogar lebensbedrohlichen Symptomen, ohne die Ursache zu kennen. Die Ungewissheit belastet neben den Patient*innen auch die Angehörigen.

Was sind Seltene Erkrankungen?

Eine Krankheit gilt als selten, wenn sie bei weniger als fünf von 10.000 Menschen auftritt. Trotzdem leben viele Menschen mit einer Seltenen Erkrankung: Weltweit gibt es mehr als 8.000 verschiedene Seltene Erkrankungen. In Deutschland sind rund drei bis vier Millionen Menschen betroffen.

Seltene Erkrankungen sind sehr unterschiedlich. Manche betreffen einzelne Organe, andere den ganzen Körper. Sie können bereits im Kindesalter auftreten oder erst im Erwachsenenalter. Häufig haben Seltene Erkrankungen eine genetische Ursache. Das heißt, es liegt eine Veränderung im Erbgut vor. Diese Veränderung kann erklären, warum Symptome auftreten und welche Behandlungen in Frage kommen.

Genetische Tests als Schlüssel zur Diagnose

Eine Untersuchung des Erbguts, des sogenannten Genoms, gehört zu den verlässlichsten Methoden, um die Ursache einer Seltenen Erkrankung zu finden. Moderne genetische Tests können Varianten im Genom aufzeigen. Sie liefern oft wertvolle Hinweise für die Diagnose und helfen zu erklären, warum bestimmte Symptome auftreten. 

Eine eindeutige Antwort ist aber nicht immer sofort möglich. 

Die Suche nach krankheitsauslösenden Veränderungen ist komplex. Menschliche Genome unterscheiden sich an vielen Stellen. Diese Unterschiede sind meist harmlos und haben keine Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Herausforderung besteht darin, die krankheitsauslösende Veränderung zu erkennen. Das kann man sich vorstellen wie die Suche nach einer Nadel in einem riesigen Heuhaufen.

Genetische Tests sind damit nicht nur ein Werkzeug für Ärzt*innen: Sie sind ein entscheidender Schritt für Patient*innen, um Klarheit zu gewinnen, gezielte Therapien zu planen und besser zu verstehen, warum ihre Symptome auftreten.

Erfahren Sie mehr darüber, wie ein genetischer Test genau abläuft.

Die Diagnose einer Seltenen Erkrankung kann lange dauern. Heute gibt es jedoch spezialisierte Zentren, genetische Beratung und internationale Netzwerke, die Patient*innen auf dem Weg zur richtigen Diagnose unterstützen.

Dazu gehören:

Dank dieser Strukturen erhalten Patient*innen heute schneller passende Tests. Sie profitieren vom internationalen Austausch und lernen neue Behandlungen frühzeitig kennen. Durch Vernetzung, Forschung und gemeinsame Erfahrung wird der Weg zur richtigen Diagnose und Behandlung Schritt für Schritt kürzer.

Warum Vergleichsdaten in der Genommedizin so wichtig sind

Für eine Diagnose werden genetische Daten verschiedener Menschen miteinander verglichen. Als erste Orientierung wird das sogenannte Referenzgenom genutzt. Es zeigt, wie ein „typisches“ menschliches Erbgut aufgebaut ist und hilft, harmlose Veränderungen auszuschließen.

Allerdings kann das Referenzgenom weder die gesamte genetische Vielfalt aller Menschen abbilden, noch enthält es Informationen über krankheitsauslösende Veränderungen. Deshalb braucht es weitere Daten. 

Mehr Wissen durch geteilte Daten

Patient*innen können ihre genetischen Daten freiwillig für die Forschung freigeben. Die Daten können dann ohne Namen oder andere persönliche Angaben von Forschenden genutzt werden.

Auf dieser Grundlage entstehen sogenannte Varianten-Datenbanken. Dort ist festgehalten, welche genetischen Veränderungen bereits bekannt sind und wie sie bewertet werden. Mit solchen Vergleichsdaten können Ärzt*innen besser einschätzen, ob eine gefundene Variante harmlos ist oder die Ursache für eine Erkrankung ist.

Gerade bei Seltenen Erkrankungen kommen manche Veränderungen extrem selten vor, zum Beispiel bei einem von einer Million Menschen. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser können Zusammenhänge erkannt und Diagnosen schneller gestellt werden.

Viele Daten bedeuten jedoch nicht, dass jede Patientin oder jeder Patient sofort eine Diagnose erhält. Sie erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Ein Beitrag für die Gesundheit von morgen

Ihre genetischen Daten können die Forschung entscheidend voranbringen – und so dazu beitragen, Diagnosen und Behandlungen für alle zu verbessern. Doch was bedeutet das Teilen für Sie und Ihre Familie?

Mehr erfahren

Genommedizin konkret

Wenn der Verdacht auf eine seltene genetische Erkrankung besteht, können Patient*innen sich an spezialisierte Zentren wendenDort erhalten sie eine umfassende Beratung, und wenn in ihrem Fall sinnvoll, eine Untersuchung ihres Erbguts und Unterstützung bei der Einordnung der Ergebnisse. Finden Sie Zentren für Seltene Erkankungen in Ihrer Nähe.

Ziel ist es, die Ursache der Symptome möglichst genau zu verstehen und auf dieser Basis weitere Schritte zu planen. So wird der Weg zur Diagnose oft schneller und klarer, ein wichtiger Schritt für Patient*innen und ihre Familien.  Erfahren Sie mehr über den Ablauf einer genetischen Untersuchung.

Eine Mutter berichtet

Die Tochter von Kristina von Keyserling hat eine sehr seltene Form der Epilepsie. Das Mädchen verlor zuerst ihre Sprache. Mit der Zeit konnte sie auch ihre Mitmenschen nicht mehr verstehen.

Durch einen genetischen Test fanden Ärzt*innen die Ursache der Erkrankung. Eine passende Therapie schlug rasch an. Das Mädchen lernte, wieder zu sprechen und ihre Mitmenschen zu verstehen.

Im Video berichtet die Mutter über die Geschichte ihrer Tochter.

Eine Mutter berichtet

Die Tochter von Kristina von Keyserling hat eine sehr seltene Form der Epilepsie. Das Mädchen verlor zuerst ihre Sprache. Mit der Zeit konnte sie auch ihre Mitmenschen nicht mehr verstehen.

Durch einen genetischen Test fanden Ärzt*innen die Ursache der Erkrankung. Eine passende Therapie schlug rasch an. Das Mädchen lernte, wieder zu sprechen und ihre Mitmenschen zu verstehen.

Im Video berichtet die Mutter über die Geschichte ihrer Tochter.

Wenn erste Tests nicht reichen: Re-Analysen öffnen neue Türen

Genetische Tests führen nicht immer zu einer eindeutigen Diagnose. In solchen Fällen können Re-Analysen neue Möglichkeiten eröffnen. Dabei werden bereits vorhandene genetischen Daten der Patient*innen später noch einmal untersucht. Neue Methoden und der Vergleich mit vielen weiteren Fällen erhöhen die Chance auf eine Diagnose.

Ein Beispiel ist das Projekt Solve-RD, das 2018 startete. Ziel war es, Patient*innen mit einer Seltenen Erkrankung ohne Diagnose weiterzuhelfen. Alle Teilnehmenden hatten bereits eine genetische Untersuchung erhalten, jedoch ohne Ergebnis. Für eine sichere Diagnose braucht es Vergleichsfälle mit ähnlichen Veränderungen im Erbgut. Deshalb hat Solve-RD Daten aus über 100 Kliniken in 20 Ländern zusammengeführt. Die Forschenden werteten diese Daten mit modernen bioinformatischen Methoden aus, um seltene oder bislang unerklärte Veränderungen zu erkennen.

Das Projekt war erfolgreich: Rund 13 Prozent der teilnehmenden Patient*innen erhielten eine Diagnose. Auch für die Forschung war Solve-RD wichtig: Die aufgebauten digitalen Strukturen zur sicheren Speicherung und Nutzung von Daten werden seit März 2024 im Nachfolgeprojekt ERDERA  weitergeführt und ausgebaut.

Jede neue Diagnose einer Seltenen Erkrankung bedeutet für die Patient*innen eine große Erleichterung. In der Regel endet damit eine lange mit vielen Unsicherheiten verbundenen Odyssee durch das Gesundheitssystem. Zusätzlich kann eine Diagnose den Weg in Richtung einer zielgerichteten Therapie ermöglichen. Das sichere Teilen von Patientendaten über Ländergrenzen hinweg ist eine Voraussetzung für große diagnostische Forschungsprojekte wie Solve-RD. Im Rahmen des Projektes gelang es, bislang ungelöste Fälle zu lösen und damit den betroffenen Patienten zu helfen.

Dr. Holm Grässner ist Geschäftsführer des Zentrums für Seltene Erkrankungen Tübingen und Koordinator der Projekte Solve-RD und Edera.

Neue Wege in der Behandlung von Seltenen Erkrankungen

Genetische Tests können mehr als nur eine Diagnose liefern. Sie können auch helfen, eine passende Behandlung zu finden. Medikamente können so gezielt auf die genetische Veränderung und ihre Wirkung im Körper abgestimmt werden. 

In einigen Fällen ist auch eine Gentherapie möglich. Dabei wird das fehlerhafte Gen entweder so verändert, dass es wieder richtig arbeitet, oder durch eine funktionierende Kopie ersetzt. 

Die Behandlung greift also direkt an der Ursache der Erkrankung an, anstatt nur die Symptome zu lindern.

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigen zwei Beispiele: die Behandlung der Spinalen Muskelatrophie (SMA) und seltener Stoffwechselstörungen wie CPS1-Mangel.

SMA ist eine seltene, schwere Erkrankung. Sie entsteht durch eine Veränderung in einem einzelnen Gen. Dadurch werden bestimmte Nervenzellen im Rückenmark geschädigt. Diese Nervenzellen sind wichtig, um Signale vom Gehirn an die Muskeln weiterzuleiten. Wenn diese Signale fehlen, werden die Muskeln schwächer und mit der Zeit sogar abgebaut.

Ohne Behandlung kann die Krankheit lebensbedrohlich sein, unter anderem weil auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann. In Deutschland ist etwa eines von 7.500 Neugeborenen betroffen.

Heute gibt es eine zugelassene Gentherapie. Dabei wird eine funktionsfähige Kopie des SMA-Gens in die Zellen der Patient*innen eingebracht. So können die Zellen das fehlende Protein herstellen. Die Nervenzellen werden geschützt und die Muskeln bleiben aktiv. Der Krankheitsverlauf kann dadurch deutlich verlangsamt oder gestoppt werden. Für viele betroffene Kinder und ihre Familien bedeutet das eine spürbare Verbesserung der Lebensperspektive.

Ein aktuelles Beispiel ist die Behandlung eines Säuglings mit CPS1-Mangel, einer seltenen Stoffwechselstörung. Bei der Erkrankung führt eine Veränderung im CPS1-Gen dazu, dass ein wichtiges Protein schädliche Stoffe im Blut nicht mehr abbauen kann. Diese Giftstoffe sammeln sich an und schädigen den Körper.

Besonders beeindruckend: Forschenden gelang es innerhalb weniger Monate, die genetische Veränderung zu erkennen und eine Gentherapie zu entwickeln. Dabei kam auch die Genschere CRISPR/Cas9 zum Einsatz. Die Therapie repariert die fehlerhafte Stelle im Erbgut direkt. Nach der Behandlung konnte die Leber des Kindes das fehlende Protein wiederherstellen. Die Giftstoffe verschwanden aus dem Blut und die Symptome verbesserten sich deutlich.

Aktuell wird die Zulassung der CPS1-Therapie geprüft. Da der Gendefekt sehr individuell ausgeprägt ist, muss untersucht werden, für welche Patient*innen die Behandlung geeignet ist.

Dieses Beispiel zeigt jedoch bereits: Gentherapien können Menschen mit Seltenen Erkrankungen tatsächlich helfen.

Grenzen der Gentherapie bei Seltenen Erkrankungen

Die Beispiele SMA und CPS1 zeigen: Gentherapie kann heute Leben retten.

Doch nicht jede Erkrankung lässt sich so behandeln. Viele Erkrankungen entstehen nicht durch ein einzelnes Gen, sondern durch Veränderungen in mehreren Genen. Zudem wirken viele Gene nur in bestimmten Organen oder Zelltypen, zum Beispiel im Gehirn. Das macht die Entwicklung und den gezielten Einsatz von Gentherapien anspruchsvoll.

Gentherapien bergen wie andere Behandlungen Risiken. Weil Eingriffe ins Erbgut komplex sind, muss sichergestellt werden, dass nur das Zielgen verändert wird und andere Gene unberührt bleiben. Zudem kann das Immunsystem auf die Behandlung reagieren, etwa auf das eingeschleuste Erbmaterial, und dadurch Nebenwirkungen auslösen.

Gentherapie: Chancen treiben Entwicklung an

Trotz der bestehenden Grenzen ist der Fortschritt beeindruckend. Gentherapie macht möglich, was lange unmöglich schien: Sie kann Patient*innen mit Seltenen Erkrankungen nicht nur helfen, Symptome zu lindern, sondern die eigentliche Ursache ihrer Krankheit zu behandeln. Dadurch verbessert sich ihre Lebensqualität oft spürbar.

Gleichzeitig sind Zulassung und Entwicklung aufwendig und teuer. Klinische Studien müssen die Sicherheit und Wirksamkeit über einen langen Zeitraum hinweg nachweisen. Deshalb gibt es bisher nur eine begrenzte Anzahl zugelassener Therapien.

Blick in die Zukunft

Die Genommedizin entwickelt sich sehr schnell, und neue Behandlungsansätze stehen bereits in den Startlöchern. Dazu gehören unter anderem:

  • RNA-basierte Therapien, geben dem Körper korrigierte oder neue Bauanleitungen (RNAs), damit er fehlende oder fehlerhafte Proteine selbst herstellen kann
  • Medikamente, die gezielt veränderte Prozesse in den Zellen beeinflussen
  • CRISPR-Technologien, die gezielte Korrekturen von Genen ermöglichen und langfristig neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen könnten
  • Multi-Omics und KI-gestützte Untersuchungen, die helfen, Behandlungen noch besser auf einzelne Personen abzustimmen

Viele dieser Ansätze sind noch in der Entwicklung. Sie zeigen jedoch: Die Genommedizin wird künftig immer präziser, kann Behandlungen besser auf einzelne Personen zuschneiden und den Krankheitsverlauf gezielter beeinflussen.

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